Meine berufliche Weiterentwicklung 2
Manches erkennt man erst auf den zweiten Blick
Im letzten Artikel habe ich erzählt, wie sich die verschiedenen Stationen meines beruflichen Weges im Rückblick zu einem Gesamtbild zusammenfügen.
Was ich lange nicht erkannt hatte: Ein Konzept, das mir schon viele Jahre zuvor begegnet war, bietet genau den Rahmen, in dem sich all meine unterschiedlichen Erfahrungen und Erkenntnisse miteinander verbinden lassen – Das Innere Dorf.
Ich lernte dieses Konzept bereits 2012 während meiner Ausbildung in der Methode ESPERE nach Jacques Salomé kennen. Die Idee, unterschiedliche Seiten unserer Persönlichkeit als Bewohner*innen eines Dorfes sichtbar zu machen, fand ich sehr inspirierend und vor allem sehr anschaulich. Ich begann auch, für mich persönlich sofort damit zu arbeiten.
Doch damals konnte ich noch nicht erkennen, welche Bedeutung dieses Konzept einmal für meine Arbeit bekommen würde.
Damals passte es noch nicht
Viele Jahre habe ich vor allem Seminare gegeben. Ich war es gewohnt, Themen aufzubereiten, Inhalte zu vermitteln und Gruppen durch einen gemeinsamen Lernprozess zu führen.
Mit dem Konzept Das Innere Dorf funktionierte das für mich nicht so richtig. Denn die Beschäftigung mit dem eigenen Inneren Dorf ist sehr individuell. Jeder Mensch entdeckt etwas anderes in seinem eigenen Tempo. Manche Dorfbewohner*innen zeigen sich schnell, andere erst nach und nach. Es ist mit anderen Worten von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich, was sich aus der eigenen Innenwelt wann und wie zeigt. Und das passte nicht recht in den festen Rahmen eines klassischen Seminars.
Also blieb das Innere Dorf zwar in meinem Werkzeugkoffer, rückte aber erst einmal in den Hintergrund.
Dann veränderte sich meine berufliche Rolle
Während ich mich fachlich weiterentwickelte, veränderte sich nach und nach mein eigenes Verständnis davon, wie ich eigentlich arbeiten möchte. Ich merkte zunehmend, dass es mir nicht mehr nur darum ging, Menschen durch einen vorgegebenen Lernprozess zu führen. Viel mehr interessiert mich heute, Menschen bei ihrer eigenen Forschung zu begleiten.
Ich sehe mich dabei nicht mehr als klassische Seminarleiterin, die weiß, was am Ende gelernt werden soll. Eher bin ich eine Mentorin oder Moderatorin geworden: Ich möchte einen Raum schaffen, in dem mein Wissen und meine Erfahrungen zum gemeinsamen Forschen anregen, inspirierende Fragen stellen und dabei helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Was im Konzept „Das Innere Dorf“ zusammenkommt
Als ich mich vor einiger Zeit wieder intensiver mit meinem eigenen Inneren Dorf beschäftigte, erkannte ich plötzlich, dass sich darin ja vieles von dem wiederfindet, womit ich mich in den vergangenen Jahren beschäftigt habe.
Die verschiedenen Dorfbewohner*innen haben ihre jeweils eigenen Gefühle und Bedürfnisse – hier gibt es eine klare Verbindung zur Gewaltfreien Kommunikation. Die Dorfbewohner*innen können miteinander in Konflikt geraten, sich gegenseitig unter Druck setzen oder auf bestimmte Situationen mit alten, vertrauten Mustern reagieren. Damit lassen sich ebenfalls meine Erfahrungen und mein Wissen über Stress und unsere automatischen Reaktionsmuster einbeziehen.
Auch meine Erfahrungen mit Symbolarbeit und Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften finden hier zusammen. Wenn die Dorfbewohner*innen mit Bildern oder Symbolen sichtbar werden, lässt sich oft leichter erkennen, was in der eigenen Innenwelt gerade geschieht. Denn Vorstellungen und innere Bilder können ähnliche neuronale Netzwerke aktivieren wie tatsächliches Erleben. Was vorher vielleicht nur schwer in Worte zu fassen war, wird für uns durch das Sichtbarmachen konkreter und damit leichter zugänglich.
Genau darin liegt für mich eine besondere Stärke des Inneren Dorfes: Innere Vorgänge bleiben nicht nur abstrakte Gedanken. Sie bekommen ein Bild, werden anschaulich und können dadurch auf eine andere Weise wahrgenommen und verstanden werden. Und auch Veränderungen, die wir in unserem symbolisch dargestellten Dorf vornehmen, wirken auf unsere neuronalen Verknüpfungen und können so wiederum das ein oder andere unserer eingefahrenen Verhaltensmuster verändern. So habe ich es jedenfalls für mich erlebt und konnte das auch bei anderen sehen, die anfingen, mit ihrem eigenen Inneren Dorf zu arbeiten.
Die teilweise sehr unterschiedlichen Themen, die mich seit Langem begeistern, stehen nun nicht mehr einfach nebeneinander. Das Innere Dorf bietet sozusagen einen Rahmen, in dem ich sie miteinander in Beziehung setzen kann.
Und genau das passt auch zu meiner veränderten beruflichen Rolle. Das Konzept „Das Innere Dorf“ bietet einen Rahmen, in dem jeder Mensch seine eigene Innenwelt auf seine Weise und in seinem eigenen Tempo erforschen kann, und wenn gewollt, begleite und unterstütze ich Menschen sehr gerne bei ihrer Forschungsarbeit.
Ein Anstoß, der etwas ins Rollen brachte
Einen zusätzlichen Anstoß, das Konzept Das Innere Dorf nun auch mehr in die Welt zu bringen, bekam ich von meiner Tochter. Sie ist selbst eine begeisterte „Dorfvorsteherin“ und fragte mich in letzter zeit immer wieder, warum ich das Innere Dorf eigentlich nicht viel mehr Menschen zugänglich mache.
Diese Frage ließ mich nicht mehr los, und ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, wie ich Menschen einen Zugang zum Inneren Dorf ermöglichen könnte, ohne daraus wieder ein klassisches Seminar mit einem vorgegebenen Ablauf zu machen. Denn inzwischen ist „Das Innere Dorf“ nicht einfach ein weiteres Werkzeug in meinem Werkzeugkoffer. Es ist der Rahmen, in dem vieles von dem zusammenfindet, was meine Arbeit über viele Jahre geprägt hat – und gleichzeitig passt es zu der Art, wie ich Menschen heute begleiten möchte.
Manches erkennt man eben tatsächlich erst auf den zweiten Blick.
Im nächsten Artikel möchte ich dir zeigen, was sich hinter diesem Konzept eigentlich verbirgt: Wer lebt im Inneren Dorf – und welche Rolle spielt die Dorfvorsteherin oder der Dorfvorsteher?
Bald geht es weiter. Ich informiere dich.
Möchtest du meinen Weg weiterverfolgen?
Ich schreibe unregelmäßig über meine berufliche Weiterentwicklung, neue Blogartikel und das, was daraus entsteht. Wenn du davon erfahren möchtest, kannst du dich hier eintragen.