Warum es wichtig ist, ALLE Gefühle zu fühlen

Das mit den Gefühlen ist ja so eine Sache. Natürlich sind wir gerne glücklich, zufrieden und entspannt. Wir möchten uns wohl fühlen, geborgen und sicher. Das zeigen wir auch gerne. Doch da gibt es ja noch diese anderen Gefühle wie Ärger, Angst, Trauer, Enttäuschung und Frust zum Beispiel. Diese Gefühle meiden wir eher, stimmt´s? Wir versuchen, sie nicht zu sehr ins Bewusstsein kommen zu lassen, ignorieren sie einfach, spielen sie herunter oder lenken uns ab. Denn diese sogenannten negativen Gefühle sind nicht gern gesehen, nicht im Privatleben, geschweige denn im beruflichen Umfeld.

Negative Gefühle sind nicht beliebt

„Wer in Deutschland aufwächst, ist fast schon dafür prädestiniert, sich eines Tages ziemlich schlecht zu fühlen. Bereits Kindern wird beigebracht, ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie lernen, sich zu beherrschen, sich zusammenzureißen, keine Gefühle zu zeigen – in vielen Familien ist so etwas erstrebenswert.“[1] Wer in einem solchen Umfeld aufwächst – und zu diesem Umfeld zähle ich auch die Schule - , wird es schwer haben, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen.

 

[1] Dr. med. Christian Peter Dogs, Nina Poelchau, Gefühle sind keine Krankheit, Ullstein, 2017, S. 41

Sicher kennst du auch Sprüche wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“, „Du Heulsuse!“ oder „Sei doch nicht so ein Angsthase!“. Mit solchen Aussagen sind viele von uns aufgewachsen. Doch was lernen Kinder, wenn sie etwas erleben, das weh tut, das traurig macht oder beängstigend ist? Genau! Sie lernen, ihre negativen Gefühle zu unterdrücken, wegzuschieben, zu ignorieren. Was sie dabei nicht lernen ist, wie sie mit solchen Gefühlen angemessen umgehen können, und was die Gefühle ihnen sagen wollen, welche Botschaft sie haben. Sie lernen auch nicht, was sie tun können, damit es ihnen wieder besser geht. Denn unterdrückte und ignorierte Gefühle sind ja immer noch da, auch wenn wir sie nicht wahr – haben wollen. Als Erwachsene können wir folglich dann auch nicht angemessen mit unseren negativen Gefühlen umgehen und unterdrücken sie weiterhin. Denn inzwischen haben wir Angst vor unserer Wut, Angst vor der Angst und Angst vor unserer Trauer.

Gefühle sind bewusst gewordene Körperzustände

Das Unterdrücken von Gefühlen hat langfristig einen hohen Preis. Denn all die Gefühle, die wir nicht fühlen wollen oder auch nicht mehr fühlen können, treiben nun ein Eigenleben in unserem Unbewussten und – das wird dich vielleicht überraschen - in unserem Körper.

Gefühle sind mit körperlichen Zuständen eng verknüpft. Jeder kennt das: vor Freude schlägt das Herz schneller, vor Schreck stockt der Atem, bei Angst schlottern die Knie oder zittern die Hände. Wenn wir traurig sind, bekommen viele Magenschmerzen; wenn wir wütend sind, schwellen die Halsschlagadern an und wir werden rot im Gesicht. Und in stressigen Situationen bekommen wir leicht Kopfschmerzen.

Auf den ersten Blick treten Gefühl und Körperreaktion gleichzeitig auf, doch es ist inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Körperreaktion auf ein Ereignis einen Bruchteil von einer Sekunde vor dem entsprechenden Gefühl einstellt. Das heißt, dass unser Körper auf Ereignisse, die wir über unsere Sinnesorgane, also Augen, Ohren, Mund, Nase und Haut, sehen, hören, schmecken, riechen oder spüren, mit Herzklopfen, Zittern, Schweißausbruch, Atemnot, Schluckbeschwerden, u. ä. reagiert. Erst wenn diese Körperreaktionen von unserem Verstand verarbeitet werden, nennen wir sie Angst, Wut, Trauer oder Freude.

 

Doch was passiert, wenn wir die unangenehmen Körperreaktionen nicht als negative Gefühle wahrnehmen wollen oder können, weil wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen und was sie uns zu sagen haben? Unsere Muskeln verkrampfen und wir bekommen mit der Zeit zum Beispiel Rückenschmerzen. Wir entwickeln ein Magengeschwür oder haben eine schlechte Verdauung. Wir bekommen schnell Kopfschmerzen, scheinbar ohne Grund. Manche Menschen können sich schlecht konzentrieren, schlafen schwer ein oder nicht durch. Andere wiederum erkälten sich schnell und haben dann länger etwas davon. Kennst du das? Hast du manchmal ähnliche oder auch andere Körperreaktionen, die du dir nicht so recht erklären kannst? Auch dein Arzt findet keine körperliche Ursache, wenn du ihm die beschriebenen Symptome beschreibst?

Gefühle dienen uns als Bewertungsmesser

Wir können froh und dankbar sein, dass die Natur uns zu fühlenden Wesen gemacht hat. Denn unsere Gefühlswelt ist ein Bewertungsmesser für all das, was wir erleben. Wie könnten wir sonst feststellen, ob uns etwas, was wir gerade hören, sehen und erleben, guttut oder nicht? Ohne Gefühle könnten wir keine sinnvollen Entscheidungen treffen und nicht überleben. Wir könnten gefährliche Situationen nicht erkennen, wenn wir keine Angst hätten. Wir könnten neue Lebensumstände nicht annehmen und integrieren ohne Trauer. Und wir könnten ohne Wutenergie nichts zum Besseren verändern.

Darüber hinaus zeigen uns unsere Gefühle an, ob unsere lebenswichtigen Bedürfnisse erfüllt sind. Und davon gibt es eine ganze Reihe. So kann unsere Trauer uns zeigen, dass wir mehr Verbindung und Gemeinschaft brauchen. Oder einfach nur Trost und Einfühlung von einem lieben Menschen. Unsere Wut kann uns zeigen, dass unsere Grenzen überschritten wurden, wir mehr Selbstbestimmung brauchen, oder wir erleben etwas als ungerecht. Wenn wir mehr Sicherheit brauchen, sind wir oft ängstlich. Auch unklare Situationen können Angst auslösen. Oder auch Wut. Denn wir Menschen sind verschieden und reagieren unterschiedlich.

Wie wir wieder Zugang zu unseren Gefühlen bekommen können

Du hast vielleicht während des Lesens gemerkt, dass du das ein oder andere Gefühl gar nicht gerne fühlen magst. Oder du hast festgestellt, dass du bestimmte Gefühle gar nicht kennst. Manche Menschen fühle sich auch regelrecht abgeschnitten von ihrer Gefühlswelt. Das ist sehr schade, denn die Welt und das Leben wird viel bunter, wenn wir alle Gefühle fühlen können und dürfen.

Ein erster Schritt, den du machen kannst, um Gefühle zu erkennen, ist, bewusst auf deinen Körper und seine Reaktionen zu achten. Wenn dein Atem leicht fließt, welches Gefühl könnte das anzeigen? Oder umgekehrt: dein Atem stockt. Welches Gefühl könnte das sein? In welchen Situationen zuckst du innerlich zusammen, verkrampfen sich deine Muskeln, ballst du in der Tasche eine Faust? Und welche Gefühle passen dazu? Du spürst, wie sich Falten auf deiner Stirn bilden. Welches Gefühl könnte das ausdrücken? Du merkst, dass sich dein Magen zusammenzieht oder deine Hände feucht werden. Auf welche Gefühle weist das hin? Achtsames Beobachten der eigenen Körperreaktionen ist die Brücke in deine bewusste Gefühlswelt.

Wenn du dann lernen willst, was dir deine Gefühle sagen wollen und wie du angemessen mit ihnen umgehen kannst, empfehle ich dir, dir Menschen zu suchen, die empathisch und mitfühlend sind, und bei denen du dich sicher fühlst. Denn wie oben beschrieben, entwickeln wir manchmal Angst vor unseren eigenen Gefühlen und denken, dass wir nie mehr aufhören werden zu weinen, wenn wir unsere Trauer zulassen. Oder wir befürchten, alles kurz und klein zu schlagen, wenn wir unserer Wut Raum geben. Deswegen ist es sehr wichtig, dass du dir eine sichere Umgebung suchst, wenn du deine Gefühlswelt (neu) erforschen willst.

Dein Gefühlscheck

Wie sieht es bei dir aus?

  • Lässt du alle Gefühle zu? Welche vielleicht nicht?
  • Kannst du mit deinen Gefühlen angemessen umgehen?
  • Weißt du, was deine Gefühle dir sagen wollen?

Welche Gefühle waren in deiner Kindheit „nicht erlaubt“?